Wer das erste Mal nach Lanzarote kommt, stellt sich unweigerlich dieselbe Frage: Wo ist das Wasser? Keine Flüsse, keine Seen, kaum Regen. Schwarze Lavafelder so weit das Auge reicht. Wie hat eine ganze Bevölkerung auf dieser kargen Vulkaninsel überlebt?
Die Antwort liegt buchstäblich unter ihren Füßen.
Ein Wort aus dem Arabischen
Aljibe kommt vom arabischen al-jubb – Brunnen, Zisterne. Das Wort kam mit den Mauren auf die Iberische Halbinsel, wo islamische Ingenieure im Mittelalter das Bauen unterirdischer Wasserspeicher zur Hochkunst entwickelten. Bekannte Beispiele aus dieser Zeit finden sich noch heute in Granada und Cáceres. Als die spanischen Kolonisatoren im 15. Jahrhundert die Kanarischen Inseln besiedelten, brachten sie diese Technologie mit, die auf Lanzarote lebensnotwendig werden sollte.
Eine Insel im Kampf gegen den Durst
Lanzarote hat keine natürlichen Flüsse. Keine Quellen. Der poröse Vulkanboden lässt Regenwasser sofort versickern, und der Regen selbst ist rar. Im Jahresdurchschnitt fallen weniger als 150 Millimeter. Historiker beschreiben Lanzarote als eine Insel, die geprägt war vom Kampf gegen den Durst.
Die Folgen waren dramatisch. Immer wieder zwang die Wasserknappheit ganze Familien zur Emigration. In den 1950er-Jahren kamen Wasserschiffe aus Gran Canaria und Teneriffa, Kamele transportierten die kostbaren Behälter von der Küste ins Inselinnere. Erst 1964 änderte sich die Lage grundlegend, als Lanzarote als erste Insel Europas eine Meerwasserentsalzungsanlage erhielt.
Mehr als 6.000 Aljibes wurden im Laufe der Jahrhunderte auf der Insel gebaut. Kein anderes Bauwerk ist so charakteristisch für Lanzarote.
Wie ein Aljibe funktioniert
Ein Aljibe ist ein unterirdischer Hohlraum, überwölbt von einem Tonnengewölbe aus Vulkangestein, Kalkputz und Lehmmörtel. Die Architektur der traditionellen lanzarotenischen Häuser war ganz auf ihn ausgerichtet. Geneigte Dächer, geflieste Innenhöfe und schmale Rinnen leiteten jeden Regentropfen direkt in die Zisterne darunter. Dort sammelte sich das Wasser im Dunkeln und Kühlen, geschützt vor Verdunstung und Verunreinigung.
Gezapft wurde über den Brocal: eine gemauerte Öffnung an der Oberfläche, meist mit einem hölzernen Deckel, aus der man das Wasser mit einem Eimer schöpfte. Schlicht in der Technik, aber erstaunlich zuverlässig in der Wirkung.
Ein Erbe, das bleibt
Heute sind Aljibes als Kulturerbe Lanzarotes anerkannt. Manche dienen noch immer als Puffer in trockenen Perioden. Andere haben neue Bestimmungen gefunden: In Haría beherbergt ein ehemaliger Aljibe auf dem Dorfplatz heute eine Kunstgalerie – das Tonnengewölbe schafft einen Raum von unerwarteter Würde.
Das Wort selbst ist längst Teil der Inselidentität. Wer auf Lanzarote von einem aljibe spricht, spricht von Geschichte, Ingenieurskunst und dem Überlebenswillen einer ganzen Gemeinschaft.
Der Aljibe von Casa del Aljibe
Unser Haus trägt den Aljibe nicht nur im Namen. Auf dem Grundstück steht eine original erhaltene Zisterne – ein stiller Zeuge aus der Zeit, als Regen auf dieser Insel kein Segen war, sondern schlichtes Überleben.
Der Aljibe ist heute kein Funktionsbau mehr, aber er erzählt von den Händen, die ihn errichteten, von den Familien, die aus ihm schöpften, und von einer Insel, die gelernt hat, mit fast nichts auszukommen – und daraus etwas Einzigartiges gemacht hat.
Wer bei uns zu Gast ist, wohnt mit diesem Erbe unter einem Dach.